| Cannondale Judge 1 FR
- Es war irgendwann im Herbst 2005 als ich zum ersten Mal auf das Cannondale Gracia aufmerksam wurde. Namensgeber und Freeride Ikone Cedric Gracia prügelte das Bike damals über irgendeine Downhillpiste in British Columbia. Es sollte C-Dog's Signature Bike werden. Im Dezember 2005 dann aber die Meldung welche wie ein Blitz um die Welt des sportlichen Bergabfahrens ging: Gracia verlässt die Amis Richtung Frankreich. Die Gerüchteküchen fingen an zu brodeln und eine der brennendsten Fragen war, wie der neue Signature-Downhiller nun heißen würde. Kurz nach Jahresbeginn 2006 stand es fest. Sein Name ist Judge. Cannondale Judge.

Die Stuttgart-Connection von Soulbiker hatte dank Cannondale Europe die Möglichkeit, das Bike fünf Wochen lang ausgiebig fahren zu dürfen. Das haben wir auch getan, und zwar bei jedem Wetter.
Das Bike
Zum Test hatten wir ein Judge 1 FR in Größe M. Beinahe die gesamte Liste der verbauten Parts gehört zur Crème de la Crème.
Fangen wir bei der Fox 40 RC2 Federgabel an, gehen weiter zum Fox DHX 5.0 Coil Dämpfer, Truvativ Holzfeller Kurbeln mit Howitzer Team Innenlager, e.thirteen SRS Kettenführung, Mavic 729 Felgen, einer ultralauten Ringlé Abbah S.O.S. Lawwill Hinterradnabe, SRAM X.9 Trigger Schaltung, Hayes El Camino Bremsen, WTB Sattel und Maxxix High Roller Super Tacky Bereifung. Der Rest wie Lenker, Vorbau, Pedale und Sattelstütze ist von Cannondale.

Beim Judge handelt es sich um einen abgestützten Eingelenker, der 220mm Federweg bietet. Der Rahmen ist super verarbeitet, sämtliche Alu-Schweißnähte sind glatt geschliffen - typisch für Cannondale. Der Rahmen besticht nicht nur durch aggressive Optik, sondern auch durch viele schön gelöste Details. Da wären der in die Schwinge hinein gefräste "Judge" Schriftzug und die Schwingenabstützung, das 1.5 Steuerrohr, die Möglichkeit zur Anbringung einer optionalen Bremsmomentabstützung und die in die Kettenstrebe verlegte Schaltzugführung.
Einstellungssache
Bevor es losging, stimmten wir das Bike noch auf unser Gewicht ab. Schnell etwas an der Federvorspannung und Zugstufe verändert und die Trails konnten kommen. Insgesamt sind mehrere Rider das Judge gefahren, hauptsächlich aber Darko, Lorenz und Ändy.
Was uns schon vor der ersten Fahrt auffiel, war das supersensible Ansprechverhalten des Fahrwerks. Der Dämpfer war mit einer 400er Feder ausgestattet und sprach schon an, wenn man nur mit einem Finger leicht auf den Sattel drückte. So sensibel reagierte noch kein Fahrwerk der Bikes in unserer Runde, darunter sind Kisten wie das Demo 9, BigHit, Gemini und Konsorten. Wir hatten das Fahrwerk zum Downhill fahren sehr weich abgestimmt, fürs Droppen muss freilich ein etwas härteres Setup gewählt werden.

Die verbaute Fox 40 RC2 ist nicht umsonst eine der besten Gabeln der Welt und ihre Einstellbarkeit ist allererste Sahne. Ebenso der DHX 5.0 Dämpfer. Lobenswert ist hier vor allem der beinahe perfekt einstellbare Durchschlagschutz. Das Einstellen des Dämpfers war allerdings mit etwas Fummelei verbunden, da man an die Einstellrädchen schwer rankommt. Dies stört aber eher wenig, denn wer spielt schon jeden Tag am Setup seines Dämpfers herum?
Obi geht's :
Aufsitzen, einsinken und bergab cruisen. Auf dem Judge fühlt man sich genau wie in der heimischen Sofakuhle. Einfach zuhause. Man sinkt förmlich ein und hat das Gefühl nicht auf dem Bike sondern im Bike zu sitzen. Das Judge lässt sich sehr schön durch die Schikanen jagen, es ist verdammt agil, liegt aber auch satt auf der Strecke wenn es steil runter geht. Das Fahrwerk spricht super soft an und macht alles platt, was auf den Trails so herum liegt. Drops bis 2m schluckt das progressive Fahrwerk mit seinen üppigen 220mm Federweg sauber weg. Der Hinterbau ist dank der 150mm Steckachse sehr steif und wirkt in keiner Situation schwammig.

Die Laufräder sind top, vor allem die Ringlé Abbah Naben stechen positiv hervor. Tim Schrick von Motorvision würde ihren Freilaufsound wohl als "richtig dreckig" bezeichnen und so klingen sie auch. Extrem laut, praktisch unüberhörbar, somit haben auch Nordicwalker ausreichend Zeit sich Gedanken über den rettenden Sprung ins Gebüsch zu machen. :-) Die montierten Maxxix Highroller mit der Super Tacky Reifenmischung waren sehr griffig, aber auch schwer ins Rollen zu bringen. Platte Reifen hatten wir in den fünf Wochen keine.


Die verbauten Truvativ Komponenten sowie Cannondale Lenker, Vorbau und das SRAM Schaltwerk sind tausendfach verbaut und verrichten ihren Dienst unspektakulär aber sicher. Die e.thirteen SRS Kettenführung hält die Kette genau dort wo sie hingehört, ist sehr leise und sieht zudem gut aus. Auf eine runter gesprungene Kette warteten wir vergebens.

Abzüge in der B-Note gab es hingegen für die verbauten Hayes El Camino Bremsen. Hier fehlt leider etwas Bremspower, was bei ambitionierter Fahrweise aber kein größeres Problem darstellt. Wer nach den 5500.-€ für's Komplettbike noch ein bisschen Geld auf der hohen Kante oder eine ihre Enkel liebende Oma hat, sollte vielleicht in Erwägung ziehen sich eine stärkere Bremsanlage à la Gustav M oder Hope M4 zuzulegen.

Was uns noch negativ aufgefallen ist war die untere Gabelbrücke der Fox 40. Die Ecken der Gabelbrücke berührten beim Volleinschlag das Unterrohr des Rahmens und könnten bei einem Sturz Macken hinterlassen, was natürlich sehr schade wäre. Auch die original verbauten Gummipoller der Gabel bewirken hier nichts. Das einzige was übrig bleibt ist die Kontaktstelle wirklich dick abzupolstern oder durch einen Spacerring unten am Steuerrohr den Lenkwinkel zu erhöhen und somit die Gabelkrone weiter nach unten zu bekommen. Wie sich dieses Phänomen mit anderen Gabeln verhält haben wir nicht getestet.
Update - Kommentar von Cannondale: "Das war ein Vorserienmodell, das ihr hattet. Da waren noch die kurzen Lagerschalen montiert. Bei den Serienmodellen sind längere Schalen montiert, so das die Brücke nicht an den Rahmen schlägt."
soulBiker's Fazit:
Das Judge ist zweifelsohne eines der geilsten Downhill-Bikes das wir bis dato unter unseren Hintern hatten. Über das Ansprechverhalten des Fahrwerks und die Agilität könnte man stundenlang schwärmen. Über den stolzen Preis von 5500.-€ weniger, aber das muss jeder für sich entscheiden. Mit knapp 19kg zählt es eher zu den Downhill Leichtgewichten am Markt und wird seinen glücklichen Besitzern sicher sehr viel Freude bereiten. Das das Judge eigentlich Cedric Gracias Signature-Bike war sagt alles. Ein Bike für Pros. Für alle anderen ein Downhiller, bei dem keine Ausreden mehr gelten.

Abschließend sei gesagt, dass das von uns getestete Judge in dieser Ausstattung 2007 nicht mehr vertrieben wird. Am Rahmen wurde außer der Lackierung nichts verändert, das Judge gibt es heuer aber nur noch als Rahmenkit. Zwei Versionen wird es geben, eine Mick Hannah DH-Replica mit Boxxer Worldcup für 3999.-€ und eine FR-Version mit 888RCV für 3499.-€. Weitere Infos hierzu in unserer stetig wachsenden Produktdatenbank oder bei eurem Cannondale Händler.
Pro: Sehr schöne, bullige Optik. Fahrwerk-Ansprechverhalten, Handling. Exklusivität. Kontra: Hayes El Camino Bremsen. Hoher Preis.
Foto und technische Daten der 2007er Judge's => hier
weitere Infos auf www.cannondale.com
Für Soulbiker.com 2007, Darko & Lorenz Fotos: Darko Pelikan |